Rezension

„Purple Clouds – Honeymoon Edition“ von Mounia Jayawanth

Knigge des 21. Jahrhunderts!

„Purple Clouds“ ist ein Buch, das auf den ersten Blick vielversprechend wirkt: eine feministische Geschichte mit einer neurodiversen Protagonistin, geschrieben in einer schönen, zugänglichen Sprache. Stilistisch ist der Roman gut gelungen, stellenweise sogar sehr angenehm zu lesen. Dennoch bleibt nach der Lektüre ein ambivalentes Gefühl zurück.

Die größte Schwierigkeit des Buches liegt für mich in der Darstellung der Protagonistin. Sie wirkt häufig unsympathisch, weil sie einerseits problematische Dinge normalisiert – Sie normalisiert es, andere Männer zu küssen, obwohl sie emotional an jemanden gebunden ist. Außerdem nennt sie Emory „mein Mann“, beschwert sich jedoch auf der anderen Seite darüber, wenn er sie als „meine Frau“ bezeichnet. Sie findet in nahezu allem etwas moralisch Verwerfliches. Es gibt meiner Meinung nach häufig eine Doppelmoral, die es mir erschwert, wirklich mit ihr mitzufühlen.

Besonders störend ist der belehrende Ton, der sich durch weite Teile des Buches zieht. Ganze Seiten scheinen weniger der Handlung zu dienen als vielmehr dem Zweck, den Leser*innen moralisch zu erziehen. Das nimmt dem Lesen viel Leichtigkeit und Freude. Statt subtil zum Nachdenken anzuregen, fühlt man sich häufig abgewertet – als würde man ständig darauf hingewiesen, dass selbst alltägliche Vorlieben oder Gewohnheiten „nicht korrekt genug“ sind. Ob Filmgeschmack, Kaffee mit Kuhmilch oder der Umgang mit Pronomen: Kaum etwas darf einfach neutral existieren, ohne moralisch eingeordnet zu werden.

Dabei sind die angesprochenen Themen an sich wichtig und richtig. Doch die schiere Menge an Botschaften und Belehrungen wirkt erschlagend. Weniger Themen mit mehr Tiefe hätten dem Buch deutlich bessergetan. Viele Aspekte werden nur angerissen, ohne ihnen den Raum zu geben, den sie verdient hätten. Ein Beispiel ist die ADHS-Thematik: Es bleibt unklar, wie die Protagonistin zu ihrer Diagnose kommt, sodass man fast den Eindruck gewinnt, sie habe ihre Erkenntnis allein aus einem Zeitungsartikel gezogen. Gerade hier wäre eine detailliertere, sensiblere Darstellung wünschenswert gewesen.

Insgesamt liest sich „Purple Clouds“ stellenweise wie eine Art Knigge des 21. Jahrhunderts: Stelle dich mit Namen und Pronomen vor, trinke Hafermilch, bring vegane (am besten glutenfreie) Cupcakes mit, entschuldige dich vorsorglich für Mansplaining, hinterfrage jedes Kostüm, jeden Film, jede Aussage. All das mag gut gemeint sein – doch die militante Art der Vermittlung sorgt eher für Abwehr als für Reflexion.

Enttäuschend ist auch der feministische Anspruch des Romans. Das hauseigene „Purple Clouds“-Magazin inszeniert sich als feministisches Projekt, während die dort arbeitenden Frauen teilweise alles andere als solidarisch oder feministisch handeln. Besonders problematisch empfinde ich die implizite Botschaft, eine Ehe zwischen einem Mann und einer Frau sei grundsätzlich antifeministisch. Das ist nicht nur verkürzt, sondern schlicht falsch. Feminismus sollte Frauen nicht dafür verurteilen, wie sie ihr Leben gestalten.

Am Ende bleibt der Eindruck eines oberflächlichen Romans, der viele progressive Themen gleichzeitig behandeln will. Das Buch hätte tatsächlich zum Nachdenken anregen können. So jedoch fühlt man sich zu oft belehrt statt eingeladen.

Schade – denn die Erwartungen an einen feministischen Roman mit einer neurodiversen Protagonistin waren hoch. Das Potenzial war da, wurde aber leider nicht ausgeschöpft.

★★★☆☆ (3/5)